Die Geschichte der Müllverbrennungsanlage Spittelau – nach Großbrand ein Wahrzeichen

Nach dem Großbrand 1987 wurde die Müllverbrennungsanlage Spittelau zu einem Wahrzeichen Wiens. Begleiten Sie uns auf einer spannenden Zeitreise.
Aktualisiert am: 31.08.2023
Zwei Bilder zeigen die Müllverbrennungsanlage Spittelau aus der Ferne. Links vor dem Großbrand, und rechts nach der Wiedereröffnung.

Die „Spitt“ im neunten Wiener Gemeindebezirk ist viel mehr als bloß eine herkömmliche Müllverwertungsanlage. Sie zählt weltweit zu den saubersten thermischen Abfallbehandlungsanlagen. Darüber hinaus ist die Spittelau ein architektonisches Wahrzeichen der Stadt Wien mit einer unglaublich faszinierenden Geschichte.

Die Spittelau geht in Betrieb

Wien Energie

1971 wurde das Fernheizwerk Spittelau und das Bürogebäude in Betrieb genommen. Neben der "normalen" Müllverbrennung wurde auch die Verbrennung unter Aufsicht angeboten. So wurde z.B. Falschgeld und Fehldrucke von Banknoten verbrannt.

Bereits im Jahr 1974 wurde die erste millionste Tonne Müll verbrannt.

Großbrand in der Müllverbrennungsanlage

Die ausgebrannte Müllverbrennungsanlage Spittelau im Jahr 1987.
Wien Energie

Viele Jahre versorgte die Müllverbrennungsanlage die Wiener*innen mit Heizwärme. Nach 16 erfolgreichen Betriebsjahren bricht jedoch während Revisions- und Instandsetzungsarbeiten am 15. Mai 1987 ein Feuer aus.

In der neu eingerichteten Rauchgaswaschanlage führte ein 1.000-Watt-Halogenscheinwerfer in den Nachtstunden zu einer Explosion. Da die Rauchgasanlage hauptsächlich aus Kunststoff bestand, brannte sie innerhalb kürzester Zeit lichterloh und wurde komplett zerstört. Der Schaden betrug 500 Millionen Schilling, das entspricht rund 36 Millionen Euro.

Ernst Schaurer - Zeitzeuge im Interview

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Kam es durch den Brand zu Versorgungsengpässen?

Durch das bereits in wesentlichen Teilen vorhandene Verbundnetz kann Wien Energie Fernwärme (damals noch ein eigenständiges Unternehmen, heute ein Teil von Wien Energie) die sichere Versorgung trotz des Ausfalls der Spittelau problemlos garantieren.

Die beiden Müllkessel der Anlage wurden nur leicht beschädigt und hätten innerhalb von zehn Wochen wieder in Betrieb genommen werden können. Wegen der fehlenden Rauchgaswaschanlage wurde dies aber nicht gestattet.

Doch die Frage, was aus der Brandruine werden soll, ist zunächst offen. Teile der Bevölkerung sprechen sich für einen Abriss der Anlage aus. Die Wiener Stadtregierung unter Bürgermeister Helmut Zilk entscheidet sich aber für einen Wiederaufbau am bisherigen Standort.

Wiederaufbau der Spittelau: Ökologisch und bunt

Stadtlandschaft bei Sonnenuntergang: Die kugelförmige Spitze der Müllverbrennungsannlage Spittelau glänzt vor dem Himmel, während die gewundenen Straßen darunter von Straßenlaternen beleuchtet werden.
Spittelau Außenansicht Fassade und goldene Kugel.
Die goldene Kugel auf dem Turm der Müllverbrennungsanlage Spittelau.
3D Modell der Abfallverwertungsanlage Spittelau.
Luftaufnahme von der Abfallverwertungsanlage Spittelau.
Gebäude der Müllverbrennungsanlage Spittelau im Jahr 1992.
Müllverbrennungsanlage Spittelau mit der Hundertwasser Fassade und dem "Kapperl" auf der Anlage.
Stadtlandschaft bei Sonnenuntergang: Die kugelförmige Spitze der Müllverbrennungsannlage Spittelau glänzt vor dem Himmel, während die gewundenen Straßen darunter von Straßenlaternen beleuchtet werden.
Spittelau Außenansicht Fassade und goldene Kugel.
Die goldene Kugel auf dem Turm der Müllverbrennungsanlage Spittelau.
3D Modell der Abfallverwertungsanlage Spittelau.
Luftaufnahme von der Abfallverwertungsanlage Spittelau.
Gebäude der Müllverbrennungsanlage Spittelau im Jahr 1992.
Müllverbrennungsanlage Spittelau mit der Hundertwasser Fassade und dem "Kapperl" auf der Anlage.

Die neue Spittelau soll nicht nur punkto Ökologie, sondern auch hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes Vorreiterin sein. Deshalb lädt der damalige Bürgermeister Helmut Zilk Friedensreich Hundertwasser zur Neugestaltung ein. Hundertwasser lehnte zunächst ab, Zilk gab jedoch nicht auf, bis Hundertwasser schließlich zusagte.

Warum er zunächst absagte? Es sollten alle Möglichkeiten der Abfallvermeidung und -wiederverwertung ausgeschöpft werden. Folgende drei Argumente stimmten ihn schließlich um und ebneten den Weg für die Neugestaltung der Spittelau:

  1. Die Zusage, die Anlage mit modernsten technischen Einrichtungen zur Emissionsreinigung auszurüsten.
  2. Der Umstand, dass eine Millionenstadt wie Wien selbst bei größten Anstrengungen Abfälle nicht gänzlich vermeiden kann.
  3. Und vor allem die Tatsache, dass die thermische Behandlung von Abfall die umweltfreundlichste Methode der Entsorgung ist.

Hundertwasser übernahm die Umgestaltung unter der Bedingung, dass mit der Wiederinbetriebnahme der thermischen Abfallbehandlungsanlage am Donaukanal ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Wiener Luft und zur Vernichtung der Schadstoffe im Abfall geleistet wird. Daher wurde die Müllverbrennungsanlage im Zuge der Renovierung mit modernsten Raumgasreinigungsanlagen Europas ausgestattet.

Architektur

Beginnend mit dem Jahr 1988 bis zur Übergabe am 2. Dezember 1992 verwandelte Hundertwasser die Anlage Spittelau in das Symbol des von Wien Energie Fernwärme formulierten Anspruchs – nachhaltige, umweltfreundliche und sichere Wärmeversorgung für Wien.

Gemäß seiner idealistischen Einstellung übernahm Hundertwasser die naturnahe Neugestaltung der Spittelau sogar kostenlos. Aus dem grauen und nüchternen Zweckbau schuf Hundertwasser ein fröhliches Gebäude im Einklang mit Natur und Mensch.

Die Architektur des Baus formuliert in aller Deutlichkeit: Hier ist jeder willkommen. Denn bereits von Weitem grüßen die bunten Fassaden mit ihren intensiv leuchtenden, kontrastreichen Farben und die markant am Ende des Kamins gesetzte goldene Kugel.

In der Spittelau vereint sich ein sinnvoller Kreislauf von Wertstoffen, der sich nicht nur in der architektonischen Gestaltung zeigt, sondern auch in der Dachbegrünung und Baumbepflanzung. Diese bringen auf dem Müllbunkerdach die Natur zurück. Turmfalken haben ein Heim in den am Dach eingebauten Nistplätzen gefunden.

Manche Farben an den Wänden sind heute verblasst. Diese Veränderungen waren Hundertwasser bewusst. Seiner Meinung nach musste aber aber nicht immer alles sichtbar sein. Im Winter zum Beispiel geben die kahlen Bäume bunte Fliesen frei, die im Sommer nicht sichtbar sind.

Warum gibt es auf der Spittelau ein "Kapperl"?

Müllverbrennungsanlage Spittelau mit der Hundertwasser Fassade und dem "Kapperl" auf der Anlage.

Angeblich soll Hundertwasser nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Bauherren gesagt haben, er "haue den Hut drauf." Dies führte dazu, dass ein Hut auf das Dach gesetzt wurde.

Über Hundertwasser

Künstler Friedensreich Hundertwasser mit Bart und Mütze im Freien.

Sein ganzes Leben lang beschäftigte sich Friedensreich Hundertwasser intensiv mit naturverbundenem, menschengerechterem Bauen und Wohnen. Unverwechselbar wurde er vor allem durch seine Farb- und Formensprache. Typisch für Hundertwassers Malerei sind nicht nur seine Formen, sondern auch seine natürlichen Farben.

Als Gegner vorgefertigter Malmaterialien stellte er seine Farben selbst her. Er zerrieb Ziegel, Lehm, Erde oder Kohle und mischte sie mit Wasser, Öl, Ei oder Acryl. Mit seiner Wortschöpfung „dunkelbunt“ gab er dem Leuchtenden und Lebendigen dieser Farben einen Namen.

Besuche die Spittelau

Die Spittelau ist heute ein weltweit viel beachtetes Beispiel, wie sich bei Zweckbauten Mensch, Natur und wirtschaftliche Ziele in harmonischen Einklang bringen lassen.

Seit über 50 Jahre prägt die Spittelau das Wiener Stadtbild. Die Spittelau ist eines neben dem Riesenrad und Stephansdom ein bekanntes Wiener Wahrzeichen. Auch heute wird das Hundertwasser-Design nicht nur von außen fotografiert und bewundert, sondern auch von zahlreichen Schulklassen, Kund*innen und internationalen Delegationen besucht. Die Wien Energie-Erlebniswelt und der Wien Energie Erlebnispfad können ebenfalls in der Spittelau besucht werden.

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