Stadt oder Speckgürtel?
Klimaökonom Gernot Wagner klärt in diesem Interview auf, weshalb das Leben in der Stadt klimafreundlicher als am Land ist.
Menschen, die im Speckgürtel wohnen, haben einen doppelt so hohen CO2-Fußabdruck als Leute, die in der Stadt leben. Warum, erklärt Klimaökonom Gernot Wagner.
Menschen, die im Speckgürtel wohnen, haben einen doppelt so hohen CO2-Fußabdruck wie Leute, die in der Stadt leben. Warum ist das so?
Wagner: Dafür sind zwei Faktoren verantwortlich: Mobilität und Quadratmeter. Die Mobilität in der Stadt hat oft nichts mit dem Auto zu tun. Städter können sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Rad oder zu Fuß fortbewegen.
Und in der Stadt sind die Wohnungen flächenmäßig kleiner. Jeder Quadratmeter bedeutet aber CO₂-Emissionen. Insgesamt ermöglichen Städte ein effizienteres Leben, trotz Lärm und anderen Nachteilen.
Inwiefern effizienter?
Wagner: In der Stadt lebt man in der Mitte von allem. Ein kleines Beispiel: Hier in New York City, wo ich mit meiner Familie lebe, ist die nächste Wäscherei 90 Gehsekunden von meiner Wohnung entfernt. Vor ein paar Jahrzehnten galt der Besitz einer Waschmaschine als Befreiung, ein wichtiger Teil der Emanzipation.
Wir hingegen finden es als Befreiung, keine Waschmaschine zu haben. Die Möglichkeit, ohne dieses Gerät zu leben, ist zugleich wesentlich ökonomischer und CO₂-effizienter. Der Vorteil der Stadt ist, dass es tatsächlich diese Möglichkeit gibt, mit weniger auszukommen. Ich glaube nicht, dass wir hier in New York City deswegen wie in der Steinzeit leben.
Wer klimafreundlich leben will, sollte also in der Stadt wohnen?
Wagner: Ja. Aber es geht hier nicht um Stadt gegen Land. Am Land vom Land leben? Toll. Allerdings – und hier liegt der Knackpunkt – leben in der Realität die wenigsten Menschen so, quasi per Definition. Sonst wäre es schließlich kein Land mehr.
Und leider noch viel wichtiger: Was oft als „Land“ gilt, also „im Grünen“ zu wohnen, ist weder grün noch Land, sondern nur eine Ansammlung von Einfamilienhäusern ohne Ortskern. Es ist Suburbia, der Speckgürtel, fast egal, wo er liegt. Auch Alpen-Suburbia ist Suburbia.

Wie leben Sie selbst?
Wagner: Wir wohnen zu viert in einer 70 Quadratmeter großen Wohnung in Manhattan. Für eine vierköpfige Familie, die die Wahl hätte, ist das heutzutage klein.
Die Frage ist, wie man sich dieses Leben einrichtet, ohne es als Kompromiss anzusehen. Der große Vorteil einer Stadt ist, dass alles rundherum ist.
Nicht alle Menschen wollen in der Stadt wohnen. Vielen ist es zu laut, zu wenig grün, zu dicht.
Wagner: In den vergangenen 30 Jahren ist Wien um 400.000 Menschen gewachsen. Wenn Städte tatsächlich so unattraktiv sind, warum möchten dann so viele hin? Warum sind dort Wohnungen so teuer? Natürlich, Städte können einiges tun, um noch lebenswerter zu sein. Etwa, indem es mehr Grünflächen gibt.
Generell geht es um die Frage, wie man eine Stadt für eine Jungfamilie, die sich zwischen Tullnerfeld und Seestadt Aspern entscheidet, attraktiv macht. Es gibt jetzt schon eine Menge Argumente für die Stadt.
Welche Rolle spielen Städte in der Erreichung der Pariser Klimaziele?
Wagner: Insgesamt spielen Städte eine große Rolle. Das Beste, was eine Stadt wie Wien oder New York für den Klimaschutz machen kann, ist, noch mehr Menschen ein Leben in der Stadt zu ermöglichen.
Das alleine ist ein fantastischer Beitrag zum Klimaschutz. Dann ist es in der Stadt auch viel leichter, die Emissionen noch weiter zu senken.
(Das Interview wurde im Jahr 2022 durchgeführt.)


